Julia Hilt Signet

Reanimations-App — Nur 15% der Deutschen trauen sich lebensrettende Maßnahmen zu: Ein Step-by-Step Guide zur Reanimation unterstützt Ersthelfer und Einsatzkräfte

Die Reanimation in Zahlen

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Jedes Jahr müssen 40.000 Menschen in Deutschland reanimiert werden, aber nur 15% der Ersthelfer trauen sich im Ernstfall eine Reanimation zu. Im internationalen Vergleich liegt Deutschland damit weit hinter anderen Industrienationen. Die Überlebenschance sinkt jedoch mit jeder Minute ohne Wiederbelebung um 5,5%. Durch eine bessere Reanimationsqualität hätten jedes Jahr 10.000 Menschen die Chance zu überleben.

Bei der Suche nach den Ursachen für die geringe Reanimationsbereitschaft begegnete uns häufig die Aussage »Ich will nichts falsch machen«. Tatsächlich wissen viele Menschen nicht, wie man Wiederbelebungsmaßnahmen durchführt.

Gemeinsam mit einem interdisziplinären Team aus Medizinstudierenden und Rettungssanitätern haben wir eine Reanimations-App entwickelt. Sie bietet einen Step-by-Step Guide zur Wiederbelebung, verbessert die Auffindbarkeit des Verletzen und unterstützt die Arbeit des Rettungsdiensts. Die App dient als Hilfestellung für Ersthelfer und soll helfen die Reanimationsqualität zu verbessern.

Paper Prototyping

Den Input für die medizinischen Fragen lieferten drei Rettungssanitäter mit langjähriger Berufserfahrung, ein Medizinstudent und ein Unfallchirurg, sowie ein ERC-zertifizierter Anästhesist. Die vielen verschiedenen Blickwinkel aus der medizinischen Praxis und die umfangreichen Fachkenntnisse waren die Grundlage für den Aufbau der Reanimationsanweisungen und die Gliederung der App.

Das so entstandene Konzept wollten wir einem schnellen Test unterziehen, um unsere Arbeit zu überprüfen und erstes Nutzerfeedback einzuholen. Wir übersetzten unsere ersten Skizzen für den User Flow mit etwas Bastelarbeit in einen Papier-Prototyp, alle Notifications und Hinweise werden dabei mittels Post-Its simuliert. Um den User-Test realistischer zu gestalten, kam eine 3D-gedruckte iPhone-Nachbildung zum Einsatz.

Den Papier-Prototypen haben wir mit zwölf Laien, sechs Pflegekräften und sechs Rettungsassistenten getestet. Im Durchschnitt benötigten unsere Laien-Tester 2,1 Minuten bis die Reanimation anlief, während es bei den Profis nur 1,8 Minuten dauerte. Dies ist wichtig, da laut S3-Richtlinie Reanimationshilfen die Wiederbelebung nicht um mehr als drei Minuten verzögern dürfen. Neben der Auswertung in Zahlen war das individuelle Feedback unserer Tester sehr hilfreich: Die Testenden wünschen sich mehr Unterstützung während der Reanimation und konnten z.B. die vergangene Zeit schlecht einschätzen.

Unser Fazit: Wir fassen die einzelnen Schritte zu inhaltlichen Einheiten zusammen und reduzieren sie so auf zehn Einzelschritte. Während der Reanimation unterstützen wir die User durch hilfreiche Hinweise zu Drucktiefe und Reanimationszeit. Außerdem motivieren wir die Nutzer regelmäßig die Reanimation fortzusetzen und vermitteln ihm oder ihr so mehr Sicherheit.

Klickprototyp

Die ausgearbeitete Informationsarchitektur mit allen strukturellen Anpassungen wollten wir nun dem Praxistest unterziehen. So entstand der Klickprototyp, vorerst noch mit Wireframes und ohne Animationen, mit dem wir jetzt auch zum ersten Mal auf den realen Endgeräten testen konnten.

Im Gegensatz zum Papier-Prototypen testen wir den Klickprototypen diesmal ausschließlich mit Laien. Mit dabei sind unsere zwölf Tester aus der ersten Feedback-Runde, sowie zwölf neue User, die die App zum ersten Mal sehen. So konnten wir einerseits unsere Fortschritte überprüfen und andererseits neue Daten von ›unbelasteten‹ Usern erheben. Außerdem kommen in diesem Prototyp jetzt auch die ausgearbeiteten Texte und Handlungsanweisungen zum Einsatz.

Ein User Interface für Notfälle

Die Ausnahmesituation einer Reanimation bedeutet ein hohes Stresslevel für die User. Dadurch schränkt sich das Sichtfeld ein und man ist auf ein Interface angewiesen, dass keine Lernkurve oder Einarbeitung erfordert. Aus diesem Grund haben wir uns für ein auf das Wesentliche reduzierte Interface entschieden, das alles Unnötige weglässt und sich nur auf die wichtigsten Elemente (Handlungsanweisung, Bedienfelder und erklärende Animation) beschränkt. Neben diesen zentralen Elementen gibt es zusätzlich die Möglichkeit innerhalb der App vor- und zurück zu navigieren und einige Einstellungen vorzunehmen.

Zu Beginn entstand eine visuelle Exploration mit 28 Entwürfen für das App-Icon. Im Team konnte wir das etablierte rote Kreuz schnell ausschließen, auch das Defibrillatoren-Symbol war in der Skalierung ungeeignet. Für die weitere Ausarbeitung konzentrierten wir uns schließlich auf die Kombination aus dem emotionalen Herz-Symbol und den ekg-Linien als medizinisches Motiv. Die Farbkombination übernehmen wir vom Roten Kreuz (rot, weiß) und erweitern sie um einen weiteren Farbton (gelb).