Julia Hilt Signet

Digitaler Impfpass —  Sicher, informativ, individuell und immer an unserer Seite: Ein Konzept für eine Impfpass-App, die mitdenkt und regelmäßige Impfungen erleichtert

Das gelbe Heft der who

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Im Verlauf der Corona-Pandemie rückte ein sonst häufig vergessenes Dokument wieder in den Fokus: der Impfpass. Er begleitet einen Menschen sein Leben lang. Bereits im Alter von sechs Wochen erhält jedes Kind in Deutschland das gelbe Heftchen der who, in dem alle Impfungen dokumentiert werden. Der Impfkalender des Robert-Koch Instituts sieht vor, dass jeder gesunde Mensch in Deutschland regelmäßig gegen mindestens dreizehn Infektionskrankheiten geimpft wird.

Wie groß die Erleichterung über ein eingeklebtes Impfstoff-Etikett in unserem Impfpass sein kann, haben wir erst in den letzten Monaten begriffen. Der internationale Impfpass hat sich seit seiner Einführung 1962 nicht verändert – die Welt um ihn herum jedoch ganz erheblich.

Neue Herausforderungen

Komplexität: Impfen ist komplexer geworden: Aus ursprünglich fünf Standardimpfungen sind mehr als dreizehn geworden. Unser Impfschutz wird immer besser, dadurch aber auch unübersichtlicher.

Mobilität: Menschen sind heute so mobil wie noch nie zuvor. Das bedeutet nicht nur, dass viele Menschen häufiger umziehen, sondern auch dass altbekannte und neue Krankheiten sich besonders leicht verbreiten.

Unvollständigkeit: Etwa der Hälfte der deutschen Bevölkerung fehlen Impfungen, obwohl die meisten durchaus bereit sind sich impfen zu lassen. Häufig haben Menschen einfach keinen Überblick über ihren Impfstatus.

Datenverlust: Der Verlust des Impfpass stellt ein echtes Problem dar, denn in Deutschland existiert kein zentrales Impfregister. Taucht der Impfpass nicht wieder auf, geht meist die komplette Impfdokumentation verloren.

Der digitale Impfpass

Die Impfpass-App ist nicht nur eine digitales Backup, sondern soll Menschen dabei helfen ihren Impfstatus besser zu verstehen und regelmäßige Impfungen nicht zu vergessen. Während meiner Bachelorarbeit entstand in drei Monaten ein Konzept für die Impfpass-App, die mitdenkt.

Den eigenen Impfstatus kennen

Der gelbe Impfpass ist ein Experten-Dokument: Seine Sprache, sein Aufbau und seine Gestaltung zielen darauf ab von Ärztinnen und Ärzten gelesen zu werden. Wer als Laie seinen Impfpass verstehen möchte, stößt schnell an Grenzen. Rund 43 Prozent der Menschen in Deutschland wissen nicht gegen welche Krankheiten sie geimpft sind.

Mit der Impfpass-App weicht die starre Tabellen-Struktur einem nutzerzentrierten Ansatz, der Menschen die Souveränität gibt ihrem Impfstatus selbst zu verstehen. Versäumte oder anstehende Impfungen sind dabei besonders hervorgehoben und farbig markiert.

Den Impfschutz im Blick behalten

Jede zweite Person weist einen unvollständigen Impfschutz auf. Prof. Dr. Betsch, die an der Universität Erfurt zu Impfverhalten forscht, erklärt die fehlenden Impfungen folgendermaßen: »Die meisten Menschen sind impfbereit – aber impfen ist oft nicht einfach genug. Erwachsenen ist außerdem oft auch nicht bekannt, dass oder wann sie sich impfen lassen sollten.«

An dieser Stelle setzt der digitale Impfpass mit einer Visualisierung des Impfschutz an. Ein kleiner Kreis zeigt an, wie lange die Schutzwirkung der Impfung noch gegeben ist. So wird nicht nur der Status der Immunisierung kommuniziert, sondern auch ein Bewusstsein dafür geschaffen, dass Impfschutz oft nur temporär vorhanden ist und Handlungsbedarf besteht.

Impferinnerungen sorgen dafür, dass anstehende Termine nicht in Vergessenheit geraten. Ergänzend klärt ein kurzer Steckbrief niedrigschwellig und neutral über die jeweilige Infektionskrankheit auf. Alle Texte basieren auf Informationen des BZgA, um eine hohe inhaltliche Qualität sicherzustellen.

Individuelles Nudging

Ein erklärtes Ziel des digitalen Impfpass ist es, Menschen dazu zu motivieren sich regelmäßig impfen zu lassen. Dafür setzt die Impfpass-App auf Nudging, also kleine Verhaltensanstöße, die Menschen positiv beeinflussen ohne Verbote oder Vorschriften zu verwenden. Doch was beeinflusst unser Impfverhalten? Welche Faktoren halten Menschen davon ab sich impfen zu lassen? Wie fällt die Entscheidung für oder gegen Impfungen?

Das Herzstück der Nudging-Strategie sind individualisierte Notifications, die durch freiwillige Angaben zum Impfverhalten entstehen. Der kurze Fragebogen basiert auf dem 5C-Modell, das in der Forschung zum Impfverhalten eingesetzt wird. Dabei wird zwischen fünf Einflussfaktoren unterschieden: das Vertrauen in Impfungen, die Wahrnehmung des Risikos zu Erkranken, strukturelle Barrieren, die Ausprägung des Informationsbedürfnisses und das soziale Verantwortungsgefühl.

Durch die Verbindung von Nudging und Impf-Typ ist es möglich Menschen an Impfungen zu erinnern und dabei auf ihre Bedürfnisse und mögliche Ängst einzugehen. Jedoch ohne durch eine Personalisierung kritische Daten über Einzelpersonen zu sammeln oder manipulative Techniken anzuwenden.

Familienfreundlich

Laut eines aktuellen barmer-Reports fehlen mehr als der Hälfte der Zweijährigen in Deutschland wichtige Impfungen. Wie kommt es zu diesem hohen Wert? Häufig scheitert es schlicht am Alltagsstress und der Termin-Koordination: Bis zum zweiten Lebensjahr sollten Kinder insgesamt vierzehn Impfungen erhalten. Ist das Kind am geplanten Termin jedoch krank, kann es nicht geimpft werden. Die Impfung muss verschoben werden, wird dann vergessen und oft nicht mehr nachgeholt.

Die Familien-Funktion der Impfpass-App macht es für Eltern mit kleinen Kindern einfacher den Impfstatus der ganzen Familie im Blick zu behalten. Zusätzlich zum eigenen Profil können beide Elternteile auch die Profile ihrer Kinder über eine id zum digitalen Impfpass hinzufügen. Impftermine können so besser koordiniert werden, um versäumte Impfungen einfach nachzuholen.

Vom Kalender zur Timeline

Während einige Impfungen ein Leben lang schützen, muss die Immunisierung gegen bestimmte Krankheiten immer wieder aufgefrischt werden. Gar nicht so einfach dabei den Überblick zu behalten, denn manche Impfungen müssen jährlich (z.B. Grippe) wiederholt werden, andere nur alle zehn Jahre.

Der digitale Impfpass verbindet deshalb den komplexen Impfkalender des Robert-Koch Instituts mit den bereits dokumentierten Impfungen zu einer leichter verständlichen, personalisierten Timeline: Wann habe ich welche Impfung erhalten? Welche Impftermine sind ausgefallen und wurden sie nachgeholt?

So ist sind nicht nur vergangene Impfungen für Ärztin und Patient besser nachvollziehbar, auch ein Blick in die Zukunft wird möglich: Basierend auf Impfintervall und bestehenden Impfungen zeigt die Timeline auch an in welchem Jahr Auffrischungsimpfungen notwendig werden.

Sicher reisen

Mehr und mehr Menschen reisen beruflich oder zum Vergnügen an immer weiter entfernte Orte. Neben neuen Eindrücken und gepackten Koffern bedeutet das auch: zusätzliche Impfungen. Aber welche genau? Und wie lange vor Reisebeginn sollte ich mich darum kümmern? Was bisher aufwändige Online-Recherche nach sich zog, übernimmt nun die Impfpass-App.

Der digitale Impfpass ermittelt, je nach Zielland und Reisedauer, welche Reiseimpfungen empfohlen oder erforderlich sind und merkt sie im Impfprofil vor. So werden Reisende rechtzeitig daran erinnert bei ihrem Hausarzt oder im Tropen-Institut vor Ort einen Termin zu vereinbaren.

Alles nur Theorie?

Alle vorgestellten Features des digitalen Impfpass basieren auf real existierenden Datenquellen und APIs. Auch wenn die Impfpass-App aktuell lediglich als Prototyp existiert, ist das Konzept auf größtmögliche Praxisnähe und Realisierbarkeit ausgelegt. Ziel war es keine digitalen Luftschlösser zu bauen, sondern zu demonstrieren, welche Chancen und Möglichkeiten in der nutzerzentrierten Digitalisierung des Gesundheitswesen liegen.